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Open Source bei SOPTIM: „Nachhaltige Software entsteht nicht im stillen Kämmerlein“

Open Source ist in der Energiewirtschaft längst mehr als ein Randthema – auch bei SOPTIM. Wir haben mit unserem Kollegen Arne Bernhardt gesprochen, der das Thema intern mit vorantreibt. Über Motivation, Chancen für ÜNBs, Sicherheit, Vendor Lock-in und darüber, warum Open Source für uns kein Selbstzweck ist.

Du beschäftigst dich schon lange mit Open Source. Wie hat das bei dir eigentlich angefangen?

Eigentlich ganz klassisch über Projekte. In vielen unserer Vorhaben setzen wir seit Jahren Open-Source-Software und Bibliotheken ein. Besonders prägend war für mich ein Projekt, in dem wir intensiv mit der Apache-Jena-Bibliothek gearbeitet haben. Da habe ich mich fachlich sehr tief eingearbeitet – und irgendwann gemerkt: Wenn man Open Source nutzt, kann und sollte man auch etwas zurückgeben.

Ab 2022 habe ich mich dann stärker in der Community engagiert und selbst größere Beiträge geleistet. Das hat mir nicht nur unseren Projekten geholfen, sondern auch mein Verständnis für Open Source insgesamt verändert.

Warum ist es dir wichtig, dass Open Source bei SOPTIM weiter ernst genommen wird?
Weil wir heute schon stark davon abhängen. Unsere Entwickler:innen arbeiten täglich mit Open-Source-Bibliotheken. Wenn man dann auf einen Bug stößt oder ein Feature fehlt, beginnt es oft damit, bei der jeweiligen Community ein Ticket zu erstellen. Der nächste logische Schritt ist: Wenn wir das Problem ohnehin für uns lösen, warum sollten wir es nicht auch der Community zur Verfügung stellen?

Das hat zwei Effekte: Erstens bauen unsere Teams tiefes Know-how in den eingesetzten Technologien auf. Zweitens sind wir unabhängiger. Communities können nicht immer kurzfristig reagieren – wenn wir etwas dringend brauchen, müssen wir selbst handlungsfähig sein.

Deshalb haben wir uns im Leitungsteam bewusst dafür entschieden, Open Source aktiv zu unterstützen und Entwickler:innen zu ermutigen, sich einzubringen. Nicht aus Idealismus, sondern weil es betrieblich sinnvoll ist.

Spielt dabei auch die besondere Rolle von SOPTIM im ÜNB- und KRITIS Umfeld eine Rolle?
Ja, definitiv. Gerade im Bereich Netzleittechnik ist unsere Situation speziell: Wir entwickeln in Projekten häufig Software für unsere Kunden – der Code gehört dann auch ihnen. Eigene „Produkt-Assets“ haben wir dort kaum, und trotzdem sind wir erfolgreich.

Gleichzeitig entstehen in Initiativen wie der Linux Foundation Energy immer mehr Open-Source-Projekte von ÜNBs, VNBs, Forschungseinrichtungen und Universitäten, die für unseren Bereich hochrelevant sind. Dinge, die wir nicht „im Regal“ haben – zum Beispiel zur Netzberechnung – können wir so nutzen und gezielt mit unserer Expertise ergänzen, statt alles selbst neu zu entwickeln.

Das ist effizient – und am Ende profitieren alle Beteiligten.

Wie offen sind Kunden gegenüber Open Source?
Unsere Erfahrung ist: sehr offen. Manche Kunden sagen sogar ganz klar, dass sie Open Source bevorzugen. Der Grund ist oft Vertrauen. Wenn eine Software bereits breit eingesetzt und getestet ist, profitieren alle Nutzer:innen von Weiterentwicklungen und Verbesserungen aus unterschiedlichen Projekten.

Ein häufiges Vorurteil ist ja, Open Source sei unsicher. Für etablierte, weit verbreitete Projekte stimmt das so nicht – im Gegenteil. Der offene Quellcode, viele prüfende Augen und professionelle Sicherheitsprogramme, etwa über Stiftungen, sorgen oft für ein sehr hohes Sicherheitsniveau.

Wo liegen aus deiner Sicht die größten Vorteile für Kunden?
Ein zentraler Punkt ist das Thema Vendor Lock-in. Bei Open Source hat niemand das Gefühl, „gefangen“ zu sein. Der Kunde kann theoretisch jederzeit den Dienstleister wechseln oder selbst übernehmen. Das schafft Vertrauen und eine andere Art von Zusammenarbeit – auf freiwilliger Basis.

Gerade im KRITIS-Umfeld ist außerdem Transparenz wichtig. Häufig gehört der Quellcode dem Kunden, was absolut nachvollziehbar ist. Gleichzeitig führt das aber dazu, dass in Projekten viele technische Basisbausteine entstehen, die außerhalb dieses Projekts nicht weitergenutzt werden dürfen – obwohl sie keinerlei kundenspezifische Informationen enthalten.
Wenn man solche Bausteine von Anfang an als Open Source denkt, kann man sie weiterentwickeln, wiederverwenden und verbessern. Das ist für mich nachhaltige Softwareentwicklung.

Wo steht SOPTIM aktuell beim Thema Open Source?
Wir nutzen Open Source Bibliotheken, Komponenten und Anwendungen heute in nahezu allen Projekten und leisten auch Beiträge. – ein großes, produktives Kernprojekt auf Open-Source-Basis haben wir bisher noch nicht umgesetzt. Aber wir sammeln bewusst Erfahrung, bauen Know-how auf und schaffen die organisatorischen Voraussetzungen.

In 2025 haben wir begonnen erste kleinere Open Source Bibliotheken und Projekte auf unserer GitHub-Seite zu veröffentlichen. Für dieses Jahr sind weitere geplant.

Wichtig ist dabei auch die Frage der Verantwortung: Open-Source-Software braucht Pflege, Wartung und Support. Das können und wollen wir weiterhin leisten – Open Source ersetzt keine professionelle Betreuung, sondern ergänzt sie.

Für ein erstes Open-Source Projekt (Power Grid Model von LF Energy) bieten wir jetzt auch kommerziellen Support an, was vorher niemand sonst angeboten hat.

Gibt es auch Risiken oder Dinge, bei denen man genau hinschauen muss?
Natürlich. Kleine, neue Open Source-Projekte mit wenig Verbreitung, müssen mit Bedacht ausgewählt werden – gerade im sicherheitskritischen Umfeld.

Dann gibt es noch das Lizenzänderungsrisiko, wo in der Vergangenheit Hersteller wichtiger Komponenten von einer Open Source Lizenz auf eine kommerzielle Lizenz umgestellt haben. Deshalb sind Stiftungen, wie die Apache Foundation und die Linux Foundation, so wichtig. Projekte, die dort angesiedelt sind, können nicht einfach in „closed source“ umgewandelt werden. Diese Sicherheit ist entscheidend, wenn Abhängigkeiten entstehen.

Bei der Auswahl von Komponenten bevorzugen wir solche, die bereits bei Stiftungen untergebracht sind. Auch für unsere eigenen Open Source Projekte ziehen wir in Betracht diese an eine geeignete Stiftung zu übergeben, da stehen wir aber noch am Anfang.

Welche Entwicklungen werden Open Source in der Energiewirtschaft weiter vorantreiben?
Wir sehen das Thema stark in den Übertragungs- und Verteilnetzen, aber auch auf politischer Ebene. Auf EU-Ebene können wir uns vorstellen, das Open Source bei Ausschreibungen zukünftig stärker berücksichtigt wird. In Deutschland gilt für Kommunen bereits eine entsprechende Bevorzugung.

Ich erwarte, dass die Bundesnetzagentur ähnliche Vorgaben für den regulierten Markt etabliert, gerade bei standardisierten Bausteinen.

Was bedeutet das für SOPTIM?
Für uns heißt das: dranbleiben. Know-how aufbauen, Erfahrungen sammeln, auch in kleineren Projekten. Wenn größere Vorhaben kommen, müssen wir zeigen können, dass wir Open Source verstehen, Communities kennen und souverän damit arbeiten.

Der Markt hat nach wie vor einen enormen Digitalisierungsstau. Effiziente, nachhaltige Entwicklung wird immer wichtiger. Open Source ist dafür ein wichtiger Baustein – nicht der einzige, aber ein sehr relevanter.

Und nicht zuletzt: Für unsere Mitarbeitenden ist das Thema attraktiv und motivierend. Es zieht neue Talente an, fördert Austausch und Weiterentwicklung.

Zum Abschluss: Warum sollte man sich heute ernsthaft mit Open Source beschäftigen?
Weil die Herausforderungen in der Energiewirtschaft nicht kleiner werden. Open Source hilft, Wissen zu teilen, Abhängigkeiten zu reduzieren und Lösungen nachhaltig zu entwickeln. Wer sich früh damit beschäftigt, ist besser vorbereitet – technisch, organisatorisch und kulturell. Und genau das ist unser Anspruch bei SOPTIM.

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