Schon mal von frugaler Innovation gehört?

Dienstag, 14. November 2017 14.11.2017 von Prof. Dr. Tessa Flatten und Julian Hess 0 Kommentar

Was bedeutet eigentlich frugale Innovation? Diese Frage wurde auf dem diesjährigen Discovery Day mit unseren Kunden aus dem Partnermodel und Prof. Dr. Tessa Flatten diskutiert. Frugal kann mit „bescheiden“ oder „genügsam“ übersetzt werden. Damit sind Innovationen gemeint, die sich durch unternehmerischen Erfindungsreichtum auszeichnen und bei denen mit wenig Input viel Wert kreiert wird.

Warum sind frugale Innovationen besonders in der aktuellen Zeit so wichtig? Aktuelle Instrumente im Innovationsmanagement reichen nicht aus. Trotz dedizierter F&E Abteilungen ist die Misserfolgsrate von neu eingeführten Produkten mit ca. 85% sehr hoch. In vielen Branchen haben sich die F&E Budgets zwar verdreifacht, trotzdem ist die Anzahl der Innovationen auf die Hälfte gesunken. Wirklich radikale neue Innovationen werden unterdessen sehr häufig von Start Ups auf dem Markt eingeführt. Es stellt sich daher die Frage, warum etablierte Unternehmen so langsam auf Umweltveränderungen reagieren bzw., was ihnen fehlt, um schneller darauf zu reagieren. Fazit: Alternative Ansätze und Methoden zur Generierung von Innovationen!

In vielen Fallstudien konnten Forscher eine bestimmte Denkweise auf individueller Ebene und sechs organisationale Prinzipien herausarbeiten, die frugale Innovationen ausmachen. Die Denkweise der Mitarbeiter zeichnet sich dadurch aus, dass sie selbst in unwegsamen Situation nicht aufgeben. Dies ist der Ressourcenknappheit in den Entwicklungsländern geschuldet. Es gibt in diesen Fällen nicht die Möglichkeit Budget aufzustocken. Wenn in einer Situation Limitationen auftreten, finden Sie Möglichkeiten neue Wege zu gehen. Ressourcenknappheit wird als Katalysator für Kreativität gesehen. Sie sind offen gegenüber schwierigen Situationen und stellen dabei immer die Kundenbedürfnisse in den Vordergrund. Sie schaffen also mit limitierten Ressourcen hohen Wert im Rahmen eines iterativen Prozesses.  

Die sechs organisationalen Prinzipien:

  1.  Aus der Not eine Tugend machen: In widrigen Umweltbedingungen statt einem Problem eine Chance sehen
  2. Mehr mit weniger erreichen: Nicht immer neues Geld aufnehmen und Ideen komplett neu entwickeln wollen. Auf bestehende Lösungen zurückgreifen, bspw. Technologien kombinieren und mit Partnern zusammenarbeiten
  3. Flexibles Denken und Handeln: Immer alle Optionen offen halten. Statt Planung oft auch Improvisation, um agil zu bleiben. Auch wieder Partner einbeziehen, um unterschiedliche Perspektiven zu integrieren. Mit verschiedenen Geschäftsmodellen experimentieren und Mitarbeitern die Möglichkeit geben, Fehler zu machen und aus diesen zu lernen.
  4. Keep it simple: Auf Kernbedürfnisse der Kunden konzentrieren und keine immer komplexer werdenden Produkte bauen. Keine Lösungen erfinden, um Kunden zu beeindrucken. Je einfacher Lösungen sind, umso mehr Kunden sind in der Lage diese zu nutzen. Kundenwünsche auf den Kern runterbrechen, Plattformen wiederverwenden und eigene Organisationsstruktur und Kommunikation nach dem Prinzip der Einfachheit gestalten.
  5. Nicht nur auf den Massenmarkt zielen: Nachdenken über Kunden, deren Bedürfnisse zurzeit nicht komplett erfüllt werden oder die aktuell noch gar keine Konsumenten sind. Produkte, die für diese Gruppe entworfen werden, haben das Potential disruptive Innovationen zu werden.
  6. Folge deinem Herzen: Den Mitarbeitern die Möglichkeit bieten wie der Firmengründer in den ersten Jahren mit den Kunden zusammenzuarbeiten und sich dabei auf seine Empathie, Intuition und Passion für Kunde und Produkt zu verlassen. Welche Probleme und Präferenzen haben unsere Kunden und bei welchen sind Lösungen besonders dringlich erforderlich.

Ein erfolgreiches Beispiel für die Anwendung dieses Ansatzes ist Siemens. Das Unternehmen hat in der Medizintechnik verschiedene Produkte frugal entwickelt, bspw. ein CT oder einen Herzmonitor für Föten. Der Konzern hat mittlerweile ein eigenes Portfolio für diese Produkte namens SMART (simple, maintanance friendly, affordable, reliable und timely on market). Die Produkte sind im Schnitt 40%-60% günstiger als Vergleichbare und das geschätzte Marktvolumen liegt bei 200 Mrd. US Dollar. Die Produkte sind aber nicht nur günstiger, sondern haben z.T. auch Funktionsverbesserungen, so hat das CT 60% weniger Strahlung. Daher ist es nicht verwunderlich, dass dieses Produkt nicht nur auf dem Chinesischen Markt, sondern weltweit erfolgreich ist.

Warum ist es relevant für westliche etablierte Unternehmen? Gerade öffentliche Einrichtungen und KMUs haben selber knappe Budgets und müssen besser haushalten. Zudem werden in vielen Bereichen natürliche Ressourcen und Bodenschätze knapp. Des Weiteren liegen interessante Wachstumsmärkte in Entwicklungsländern. Die dort stark wachsende Mittelschicht hat aber andere Bedürfnisse, die nicht einfach mit Produktexporten erfüllt werden können. Daher sind innovative Produkte für diese Gruppe wichtig, um einerseits das Markenimage in diesen Ländern zu etablieren und andererseits keinen Raum für neue Wettbewerber aufzumachen.

Frugale Innovation darf jedoch nicht mit minderwertigen Produkten verwechselt werden. Richtig ist, dass kostengünstige Produkte durch diese Innovationsmethode angeboten werden können. Die Produkte sind dabei funktional, einfach, effektiv, kosteneffizient für das Unternehmen und erschwinglich für den Kunden, wodurch die Produkte einer breiten Masse zugänglich gemacht werden. Frugale Innovationen müssen jedoch nicht unbedingt low-tech sein. Vielmehr können auf diese Weise high-tech Produkte einer breiteren Masse zugänglich gemacht werden. Die Kosteneinsparung erfolgt allerdings auf Basis einer konsequenten Funktionsorientierung gemäß Kundenbedürfnissen.

Frugale Innovationen stehen also im krassen Gegensatz zu unseren im Westen etablierten Innovationsansätzen. Das Instrument der frugalen Innovation soll aber kein Ersatz für unsere standardisierten Prozesse, wie bspw. Stage Gate sein, sondern stellt ein weiteres komplementäres Instrument in der Innovationsmanagement-Toolbox dar. Wichtig ist Klarheit darüber, wann dieses Instrument angewendet und wann auf etablierte Instrumente zurückgegriffen werden sollte.

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