Die Vier D-Trends wirken immer deutlicher

Mittwoch, 7. Februar 2018 07.02.2018 von Dr. Horst Wolter 0 Kommentar

In der Diskussion über aktuelle und zukünftige Veränderungen im Energiemarkt ist oft von den vier D-Kräften die Rede: Dekarbonisierung, Dezentralisierung, Demokratisierung und Digitalisierung. Sie bewirken einen immer deutlicher sichtbaren Wandel. Man kann sogar von einer Machtverschiebung reden: Etablierte Energieerzeuger verlieren an Einfluss, Betreiber kleiner, dezentraler Anlagen gewinnen an Bedeutung. Zunehmend sogar, denn der Zubau dezentraler und erneuerbarer Erzeugung schreitet stetig voran. Auch die Zahl dezentraler Energiespeicher wächst rasant. Jede dritte Photovoltaik-Anlage in Deutschland wird heute in Kombination mit einem Energiespeicher verkauft.

Für Anlagenbetreiber und Dienstleister eröffnen sich damit vielfältige Optionen: Überschüssigen Strom ins Netz einspeisen oder zwischenspeichern? Oder als Intraday- oder Flexibilitäts-Produkt handeln? Oder Verbrauch verschieben, um Eigenerzeugung oder günstige Preise zu nutzen? Intelligente Messsysteme ermöglichen die detaillierte Erfassung des erzeugten, gespeicherten oder verbrauchten Stroms. Hier wird der Kunde insbesondere in der Kombination mit der Flexibilitätsbereitstellung neue Verrechnungsmodelle erwarten. Und die Flexibilität will nicht nur vergütet, sondern auch optimal genutzt werden.

Die Welt hinter dem Zähler gewinnt stark an Bedeutung. Denn dort liegen zugleich Verbrauch, Erzeugung, Speicherung sowie Flexibilitäten – und alles ist potentiell steuerbar. Eigenverbrauchsmaximierung, Kostenminimierung, Netzentlastung, maximale Füllung des Elektroautos usw. – in all diese Richtungen kann man sich optimieren.

Für Netzbetreiber und klassische Lieferanten wird dies zur Herausforderung. Weiter nur bis zum Netzanschlusspunkt zu schauen, wird der neuen Situation nicht gerecht. Der Lieferant muss wissen, was er an Energie einkaufen und ggf. wieder verkaufen muss. Der Netzbetreiber möchte insbesondere über kritische Phasen der Netzauslastung Bescheid wissen und Engpässen vorbeugen können. Beide Marktrollen werden sich daher intensiv mit den Messdaten aus den Smart Metern auseinandersetzen müssen und neue Prognosemodelle dafür entwickeln, was zukünftig hinter dem Netzanschlusspunkt passiert. Oder werden sie dies einem Dienstleister überlassen und von diesem die Prognosen einkaufen? Prognosen zu erstellen und Überlastungen zu vermeiden, sind bekannte Aufgaben – allerdings zukünftig unter der Prämisse, kleinteiliger, schneller, smarter und noch stärker datenbasiert zu arbeiten.

Digitalisierung ist nicht so zu verstehen, dass jemand am Rechner sitzt und Befehle eintippt, sondern dass vieles automatisiert im Hintergrund abläuft. Und sie erfasst alles. Stromlieferverträge für kleine und große Verbraucher werden immer häufiger über Plattformen vereinbart. Vertragsabschluss, Lieferantenwechsel und Energiebestellung werden bald vollständig digitalisiert sein, so dass wesentliche Teile der heutigen Lieferantenaufgabe entfallen. Auch Beschaffung und Handel werden immer stärker automatisiert und von Dienstleistern übernommen. Die zunehmende Menge der dargebots-abhängigen Erzeugung und die wachsende Flexibilität im System führen dazu, dass der automatisierte Intraday-Handel den Spothandel in den Hintergrund drängt.

Parallel dazu wächst der Verantwortungsbereich der Verteilnetzbetreiber. Netzengpässe und Abregelungen haben auch im Mittel- und Niederspannungsbereich bereits Einzug gehalten und werden weiter zunehmen. Deshalb werden die Verteilnetzbetreiber die gelbe Ampelphase ausgestalten müssen, um entweder direkt geeignete Redispatch-Maßnahmen vornehmen oder die Netznutzer zu einem netzentlastenden Verhalten bewegen zu können.

Insbesondere den etablierten Kräften im Energiemarkt muss klar sein: Die Büchse der Pandora lässt sich nicht wieder schließen. Zukunftsthemen wie Blockchain sowie neue Produktideen von Startups und Angriffe großer, bislang branchenfremder Player entwickeln zusätzlich disruptive Kraft. Umso mehr gilt: Jene Player, die frühzeitig auf Digitalisierung setzen und mit smarten Dienstleistungen und guten Geschäftsmodellen zur Stelle sind, haben die besten Chancen, sich durchzusetzen. Unser Appell an die etablierten Marktteilnehmer lautet deshalb: Schlagt jetzt die Pflöcke ein und besetzt Zukunftsthemen, bevor es andere tun! Wer am ehesten die Bedürfnisse der Kunden und Prosumer hinter dem Zählpunkt trifft, wird das Rennen machen – sei es mit professioneller Dienstleistung, gutem Service oder einem komfortablen Portal für Allround-Self-Services.

Zusammenfassung eines Interviews, erschienen in BWK 01-02/2018

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